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Eulengeschrei

Eulengeschrei

 

Fluchend setzte ich einen Schritt in die Nacht. Ich verließ meinen einzigen Schutz auf dieser Welt und wagte tatsächlich, die Hände ins Feuer zu legen. Einfach so, ohne jegliche Vorbereitung auf den Weg ins Ungewisse marschieren.

Ein leichter Schauder rieselte meinen Rücken entlang, als ich feststellte wie hilflos ich hier war. Es war ein neues Gefühl, das hinterhältig durch meine Glieder sickerte. Der Hals war wie zugeschnürt. Ein Schrei, den ich zu gerne raus gelassen hätte, blieb in meiner Kehle stecken. Mir war elend zu Mute. Ich fühlte mich unpassend in diesem Stück Land, wie ein Fremdkörper.

Irgendwo in der Ferne schrie eine Eule und ließ mich zusammenzucken. Augenblicklich musste ich an die Horrorfilme denken, die ich früher einmal angeschaut hatte. Als ob es nicht schon genug wäre, streifte ein kalter Windstoß meine entblößte Haut. Sofort steckte ich sie in meine große Jackentasche, um mich ein wenig vor der eisigen Kälte zu schützen.

Mechanisch setzte ich noch einen Schritt auf den Weg. Vor Angst und Kälte zitterte mein ganzer Körper, ich hatte den Verdacht vor Furcht wahnsinnig zu werden. Doch scheinbar war mein Verstand noch am richtigen Platz.

Warum? Warum hatte ich meine sichere Heimat verlassen?  Nur ungern erinnerte ich  mich zurück, an die schrecklichste Nacht meines Lebens. Doch ich fühlte mich gezwungen dies zu tun, die Atmosphäre war genau die richtige für Horrorerinnerungen.

Zu genau wusste ich noch, wie ich mir Beine und Arme blutig geschlürft habe. Wie zusammengekauert ich und meine Gefährten waren, als eine Patrouille an uns vorbei marschierte und aufmerksam ihren Blick durch die Gegend schweifen ließen.

Die Angst lag damals wie ein riesiger Stein in meinem Magen, der mich immer wieder zu Boden drückte.

Doch ich hatte es mit drei anderen geschafft. Ich hatte die Mauer die mich vom berühmten Nordamerika trennte überwunden, wenn auch mit blutigen Verletzungen und dem Gefühl gleich von der neuen Luft zu ersticken. Meine drei Kameraden lagen eingeschüchtert in der kleinen Strohhütte, in der uns ein US-Amerikaner versteckte – alles nur um an seinem Geld zu gelangen.

Erneut bewegten sich meine Beine. Die Bewegung wurde flüssiger. Langsam, Schritt für Schritt. Ich versuchte Konturen aus der Ferne von der Dunkelheit zu schälen, doch es war unmöglich. Die pechschwarze Nacht, hatte sich über die Gegend gelegt, als hätte sie einen Eid geschworen, dass keiner sein Sehvermögen einsetzen kann.

Nur neben mir konnte ich etwas erkennen. Der Sand unter mir, der langsam zu hartem Gestein überging, die einzelnen Bäume, die sich hier mutig eingesiedelt hatten, hier - mutterseelenallein, in dieser deprimierenden Landschaft, die nur aus Sand und abermals Sand bestand.

Seufzend strich ich mir eine verschwitzte Haarsträhne von der Stirn und schluckte schwer. Der Kloß im Hals wuchs mit jedem Schritt und machte mir das Atmen nicht leicht. Stille. Kein markerschütterndes Eulengeschrei mehr. Doch was war denn da?

Wie erstarrt verharrte ich in meiner Stellung und hörte genauer hin. Ein aufheulender Motor von der Ferne, der seine Scheinwerfer großflächig über die Gegend streifen ließ. Die Angst durchzuckte mich, mit einem Messerhieb. Mein Überlebensinstinkt war wie versteinert, all meine in letzter Sekunde entwickelten Pläne waren wie weggeblasen – ich sah nur, wie ein Auto tastend – wie ein riesiges Insekt – den Weg auf zu mir machte. Die Scheinwerfer schienen wie riesige Augen, die sich die Nahrung suchte. Ich in diesem Fall, wahrscheinlich würde ich an die Polizei überliefert werden und dann. Weiter weigerte ich mich zu denken, wenigstens war ich zu diesem im Stande.

Mein Körper erwachte erst aus der Starre, als das Auto einige wenige Meter vor mir war. Ich sank hilflos zu Boden, die Hände schützend vor meinem Gesicht, die Augen weit aufgerissen. Das war mein Ende. Die Pläne von einer ach so schönen Zukunft in Nordamerika waren zerplatzt, wie kleine Seifenblasen.

Was ich dann sah, war reines Schwarz, das vor meinen Augen rieselte. Ich vernahm nichts mehr aus meiner Umgebung, meine Sinne waren wie auf Knopfdruck ausgeschaltet.

 

Als ich erneut die Lider bewegte, musste ich blinzeln, um meine Augen an das grelle Licht zu gewöhnen. Die Angst, der Schmerz und die Hilflosigkeit traten erneut in mein Gedächtnis und ließen mich mit geweiteten Augen aufspringen. Wo war ich? Ich musste flüchten, bevor sie mich zu fassen kriegen. Weg von den Bullen, weg.

Gerade wollte ich einen Schritt machen, als ein Schmerz durch meinen Unterschenkel fuhr und mich zusammenzucken ließ. Doch ich beachtete es nicht. Nur – weg-von-hier.

Plötzlich fasste mich etwas Warmes an der Schulter. Erschrocken wirbelte ich herum und sah in das Gesicht einer jungen Frau. Sie hielt in der Hand einen unbenutzten weißen Verband, und schaute mich besorgt an.

»Geht es Ihnen gut?«

Ich wollte nicht antworten. Ich wollte einfach nur in Sicherheit sein, das war alles.

»Bitte nicht zur Polizei«, flehte ich mit schwacher Stimme, und erschrak augenblicklich, vom krächzenden Unterton, der meine Worte begleitete.

»Ich verspreche Ihnen, keine Polizei. Nun lassen Sie mich doch, Ihr Bein verarzten. Die Wunde ist nicht schlimm.«

Ich wusste nicht was mich in Sicherheit wiegte. Das warmherzige Leuchten in ihren Augen, oder die weiche Stimme mit der sie mir Mut und Hoffnung vesprochen hatte.

 

un hibou


 





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